The Substance

„Als ich kurz vor meinem 40. Geburtstag stand, war ich sehr deprimiert, weil ich dachte: Okay, das war’s. Mein Leben zu Ende. Ich werde niemandem mehr gefallen, ich werde nie wieder wertgeschätzt, geliebt, beachtet werden, nie wieder interessant sein… Mit nur 40 Jahren, so wurde mir eingeredet, sei mein Leben vorbei…“ So erklärt Regisseurin Coralie Fargeat die Motivation zu ihrem Body-Horror Film The Substance.

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Ähnliche Emotionen empfindet Elisabeth Sparkle (Demi Moore), als an ihrem 50. Geburtstag ihre Aerobic TV-Show abgesetzt werden soll, weil sie zu alt und nicht mehr attraktiv genug sei. Sie stürzt in eine Spirale aus Verzweiflung und Selbsthass, als eine mysteriöse Injektion einen Ausweg und eine neue und bessere, eine „perfekte“ Version von ihr selbst verspricht. So entsteht Sue (Margaret Qualley), mit der sich Elisabeth nun ihre Lebenszeit teilt, aber Sue teilt nicht gerne…

Bereits 2017 erzählte Coralie Fargeat mit ihrem Regiedebüt “Revenge” eine Geschichte aus weiblicher Perspektive und legte den Finger gezielt in die Wunden patriarchaler Narrative. So spaltet auch “The Substance” mit gesellschaftskritischen Inhalten und visuell brutalem Body-Horror die Geister der Kinoliebhaber und nutzt das Horror-Genre, um eine wichtige Botschaft knallhart zu vermitteln.

Die Geschichte spielt in einer unheimlich sterilen, fast klinisch anmutenden Welt, in der das Streben nach Perfektion alles dominiert. Von Beginn an spielt Fargeat mit dem ästhetischen Kontrast zwischen makelloser Oberfläche und dem Schrecken, der darunter lauert. Optisch wird die sterile Schönheit von Laborräumen und Fernsehstudios ebenso wunderbar eingefangen, wie die grotesken und verstörenden Transformationen der Charaktere. Der Score, eine Mischung aus elektronischen Klängen und unheimlichen Streichern, verstärkt die bedrohliche und surreale Atmosphäre und unterstreicht den psychologischen Horror, der die Figuren heimsucht. Jeder Schnitt, jedes Bild und jede Dialogszene scheinen sorgfältig komponiert. Close-ups, die an vielen Stellen beinahe aufdringlich wirken und stark verstärkte Geräusche erzeugen beim Zusehen ein unglaublich unangenehmes Gefühl und versetzen das Publikum in einen Zustand ständiger Unruhe. Gleichzeitig erlaubt sich die Regisseurin auch Momente von dunkler Ironie, die den Film nicht nur erträglich, sondern auch zutiefst fesselnd machen.

“The Substance” ist ein radikaler Kommentar zu einer Gesellschaft, die Frauen oft als Objekte wahrnimmt und sie dazu zwingt, sich anzupassen - selbst auf Kosten ihrer eigenen Identität und Gesundheit. Die Substanz im Film fungiert als Symbol für die Schönheitsindustrie, die Profit aus Unsicherheiten schlägt und Frauen zu Konsumenten ihrer eigenen Perfektion macht. Fargeat romantisiert den Weg zur Selbstermächtigung kein bisschen. Dieser Weg ist schmerzhaft. geradezu zerstörerisch und die Frauen in “The Substance” kämpfen nicht nur gegen äußere Zwänge, sondern auch gegen ihre eigen Konditionierung.

Der Film ist ein Statement. Coralie Fargeat hat einen schonungslosen, verstörenden und gleichzeitig zutiefst relevanten Beitrag zum Horror-Genre geschaffen. Indem sie die Grenzen zwischen Körper und Gesellschaft, zwischen Schönheit und Schrecken auslotet, hält sie dem Publikum einen Spiegel vor, der nicht nur die Figuren auf der Leinwand, sondern auch uns selbst reflektiert. Es wird gezeigt, dass Horror nicht nur eine Genre, sondern auch ein Werkzeug sein kann, um gesellschaftliche Missstände zu beleuchten und aufzubrechen. “The Substance” ist einer meiner absoluten Favoriten des Jahres 2024. Es ist ein Film der weh tut, der provoziert und der nachhallt - und genau deshalb ist er so wichtig.

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Nun folgen noch einige tiefergreifendere Gedanken, Beobachtungen und Interpretationen von mir zum Film.

ACHTUNG SPOILERWARNUNG

Der Film arbeitet mit sehr vielen Parallelen, die den Anfang mit dem Ende verbinden, was mich sehr begeistert hat.

Zum einen wäre da die Aussage „if she had a boob in her face instead of that nose“, welche über eine Kandidatin bei der Auswahl der „neuen Elisabeth Sparkle“ getroffen wurde. Am Ende des Films hat das Monster, welches aus Sue und Elisabeth besteht, schließlich eine Brust statt einer Nase im Gesicht und die Menschen um es herum sind absolut verstört und ekeln sich. Hier wird meiner Interpretation nach auf sehr gute und drastische Art und Weise deutlich gemacht, dass Frauen es niemals allen recht machen können, egal wie sehr sie sich verbiegen und verändern und all die Bemühungen letztendlich nur in der Selbstzerstörung enden.

Eine weitere optische Parallele fällt zwischen der Anfangs- und Endsequenz auf. Im Vorspann des Films fällt einem Mann ein Burger auf Elisabeth Sparkles Walk of Fame-Stern hinunter. Er versucht erfolglos, den Ketchup mit einer Serviette wegzuwischen und es bleibt ein schmieriger Fleck auf dem Stern zurück. Am Ende des Films kriechen die Reste des Monsters aus Elisabeth und Sue ebenfalls auf den Stern auf dem Walk of Fame und verenden dort schließlich und zerfließen zu einer matschigen roten Pfütze, welche von einem Reinigungsfahrzeug einfach weggewischt wird. Diese Parallele zeigt für mich, wie wenig Elisabeths Opfer am Ende eigentlich wert waren. Sie hat nach Bedeutung und Anerkennung gestrebt und hat letztendlich genau das Gegenteil erreicht. All ihre Mühen und ihr Leid waren nicht mehr wert, als ein Ketchup-Fleck auf dem Gehweg.

Schließlich wird mit einer wunderbaren Doppelmoral aufgezeigt, wie Sexualisierung schon im Kindesalter internalisiert wird. Bei der New Year´s Eve Show sieht man mehrere nackte Showgirls auf der Bühne, während in der direkt darauf folgenden Szene ein kleines Mädchen gezeigt wird, welches in einem Kleid mit seiner Mutter im Publikum sitzt und es anscheinend kaum erwarten kann, Sue auf der Bühne zu sehen. Was hierbei absolut befremdlich wirkt, ist, dass niemand etwas daran seltsam zu finden scheint, dass die Frauen auf der Bühne nackt und aufreizend sind, sogar während Kinder zuschauen. Erst als Elisabeth und Sue als mutiertes Monster die Bühne betreten, hält die Mutter ihrem Kind die Augen zu und ist schockiert. So wird eine Welt dargestellt, in der die Sexualisierung von Frauen als vollständig normal angesehen wird und das bereits im Kindesalter. Frauen, die nicht der Norm entsprechen, hier überspitzt durch das Monster verkörpert, werden hingegen als abstoßend und verstörend angesehen. Es scheint wie übertriebene Fiktion, aber das hier gezeigte Frauenbild ist nicht selten auch in der realen Gesellschaft zu finden.

Und auch das Ende des Films zeigt einmal mehr, dass man als Frau nie „perfekt genug“ sein kann. Selbst Sue, die wir als idealere Version von Elisabeth kennengelernt haben, spritzt sich schließlich den Aktivator, um eine vermeintlich noch bessere Version von sich selbst zu erzeugen. Hier wird deutlich, dass der Schönheitswahn niemals befriedigt werden kann und letztendlich zur absoluten Selbstzerstörung führt.

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