Kunstverwirrung

Muss denn wirklich jedes Kunstwerk verstanden werden und warum wird überhaupt ständig versucht, Kunst in irgendwelche Raster zu pressen? Diese Fragen stellten sich mir, als ich neulich an der Eröffnung einer Kunstausstellung meiner Schule teilnahm und mit einem älteren Herren ins Gespräch kam. Schon nach den ersten paar Sätzen merkte ich, dass er definitiv Ahnung von Kunst hatte und da auch ein Werk von mir ausgestellt war (ein gedrucktes Selbstporträt aus der 9. Klasse), fragte er mich: „Was wollen Sie damit aussagen? Warum haben Sie Schwarz als Farbe gewählt und nicht farbig gedruckt, wie manch andere? Warum hat Ihr Porträt 5 Augen?“ Ich war mir ziemlich sicher, dass ich 3 Jahre zuvor absolut keine Gedankengänge bei der Anfertigung meines Drucks hatte, sondern es eben einfach gemacht habe und trotzdem dachte ich mir irgendwelche pseudo-philosophischen Antworten auf all seine Fragen aus, denn natürlich wollte ich nicht ungebildet wirken, kurz nachdem ich eine Rede über die Bedeutung von Kunst und meine persönliche Beziehung zu ihr gehalten hatte. Meine Antworten schienen für ihn viel Sinn zu ergeben und er nickte bedeutungsvoll, während er noch einmal einen kritischen Blick auf mein Selbstporträt mit den zu vielen Augen warf. Wir gingen weiter durch die Ausstellung und ich bemerkte, wie ich unbewusst anfing, ebenfalls nach dem „Wie?“ und dem „Warum?“ in den anderen ausgestellten Kunstwerken zu suchen und wie sehr es mich frustrierte, wenn ich den anscheinenden Sinn einer künstlerischen Arbeit eines Fünftklässlers nicht verstand. 30 Minuten zuvor appellierte ich noch, dass Kunst auf Gefühlen und Visionen basiert und nun stand ich da und versuchte selbst, sie zu kategorisieren, wie ich es sonst mit Zahlen im Mathe-Unterricht tue. Man kann sich den Spaß an Kunst wirklich absolut zerdenken und inzwischen bin ich mir ziemlich sicher, dass nicht jedes Kunstwerk verstanden und kategorisiert werden soll oder muss.

Kategorisieren. Wir Menschen lieben es, denn sobald wir etwas in bestimmte Schubladen stecken können, ist es eindeutig und nicht mehr misszuverstehen. Und gibt es denn eine größere Schande, als etwas misszuverstehen oder gar anders zu betrachten, als alle anderen es tun? Leute haben so große Angst, Kunst nicht zu verstehen, dass sie es gar nicht erst selbst versuchen und sich lieber auf sogenannte Kunstvermittler verlassen. Diese sollen Kunst zugänglich machen, sie einfach und für jeden verständlich machen. Vorgefertigte Interpretationen und Erklärungen. Audio-Guides, die unaufhörlich Fakten, Hintergrundinformationen und Einordnungen liefern. In Bezug auf diesen aktuellen „Vermittlungswahn“ kommentiert Gilles Fontolliet, ein Schweizer Künstler und Kunstvermittler: „Ist das Publikum für den selbstständigen Kunstkonsum zu dumm geworden?“  Zu dumm ist das Publikum vielleicht nicht, aber an einigen Stellen sicherlich zu ängstlich oder zu faul.

Meiner Meinung nach ist Kunstvermittlung durchaus sinnvoll, denn Künstler verfolgen mit ihren Werken ganz unterschiedliche Ziele, die Anfangs für den Betrachter schwierig zu erkennen sein können, schließlich besteht in den meisten Fällen niemals ein direkter Kontakt zwischen dem Kunstschaffenden und den letztendlichen Rezipienten. Politische Hintergründe, Provokation, emotionale Auseinandersetzung… Kunstvermittlung kann so oft einen Ansatzpunkt liefern und in das Werk einführen, wovon ausgehend sich der Betrachter auf seine ganz eigene gedankliche Reise begeben kann. Man sollte, wenn es zur Vermittlung von Kunst kommt, also viel weniger nach dem „Ob?“ als nach dem „Wie?“ fragen.

Eine oft und gern verwendete Art der Kunstvermittlung sind die zuvor erwähnten Audio-Guides. Einmal aufgenommen, können sie unendlich oft verwendet werden, ohne dass dabei ein großes Personalaufkommen nötig ist. Die Journalistin Maria Thomauske hat sich im Rahmen einer Francis-Bacon-Ausstellung etwas genauer mit diesem „Ding mit dem Pling“ auseinandergesetzt. Ihrer Meinung nach werden durch die aufgenommenen Kommentare zwar sinnvolle Hintergrundinformationen und Interpretationsgedanken geliefert, jedoch werden die Kunstwerke mit dieser Methode eher abgearbeitet und den Rezipienten bleibt wenig Raum, die Kunstwerke wirklich zu „sehen“. Sobald das „Pling“ am Ende des Audiokommentars ertönt, geht es sofort weiter zum nächsten Werk und wenn an einem Gemälde keine Audio-Nummer angebracht ist, dann wird ihm oft schon aus Prinzip gar keine Achtung geschenkt. Bei diesem gedankenlosen Kunstkonsum wird Kunst vollständig kommerzialisiert.

Diese Art der Kunstrezeption lässt bei mir ähnliche Fragen aufkommen, wie sie sich auch Maria Thomauske in ihrer Auseinandersetzung stellt: Kann Kunstvermittlung der wirklichen Wahrnehmung von Kunst im Weg stehen? Sorgt sie nicht viel mehr dafür, dass die Kunstwerke zwar von außen betrachtet werden, aber mehr eben auch nicht? Das Innere, die eigene Wahrheit und der emotionale Weg zu ihr, das eigene „Pling“ gehen dabei vollständig verloren.

Auch Johann Wolfgang von Goethe rechnet einem persönlichen Weg der Kunstrezeption in seinem Gedicht „Gedichte sind gemalte Fensterscheiben“ einen hohen Stellenwert an. Er vergleicht Kunst, Gedichte, mit den bunten Fensterscheiben einer Kirche. Wenn man sie nur von außen betrachtet, wirken sie düster und farblos, aber sobald man ins Innere der Kapelle tritt und das Licht von außen hinein scheinen lässt, sind sie wunderschön und glänzen in allen Farben. Und dieses Innere, das Emotionale, die Bedeutung, die man erst unter der düsteren Fassade finden muss, sie sollte das wahre Ziel des Kunstkonsums sein. Es kann oft schwierig sein und auch eine Weile dauern, in das Innere eines Gemäldes vorzudringen und die Kunstvermittlung kann dabei als Licht, welches von außen durch die Fensterscheiben scheint, helfen, aber den Schritt in die Kapelle, den muss jeder Betrachter selbst tun.

Und dieser Prozess, sich selbst über die Schwelle zu trauen, darf durch die Kunstvermittlung auf keinen Fall verloren gehen und deshalb sollte sie viel mehr Raum lassen, vielleicht durch ein wenig Stille vor dem „Pling“. Jedoch sollten auch die Betrachter Initiative ergreifen und die Kopfhörer ganz bewusst mal abnehmen oder sie beim nächsten Museumsbesuch vielleicht gar nicht erst aufsetzen und lieber den Stimmen im eigenen Kopf lauschen.

Kunstvermittlung, Kunstvereinfachung, Kunstverharmlosung, Kunstverwirrung… das eine kann schnell zum anderen führen, denn durchaus hat dieser ganze „Vermittlungswahn“ nicht immer nur positive Auswirkungen. So stellt Wolfgang Ullrich, Professor für Kunstwissenschaften in Karlsruhe, fest, dass, auch wenn es versucht wird, nicht an jeden Kunst vermittelt werden kann. Oft führe dies sogar eher zu Frustration und das zu Recht. Wenn mir jemand aufgezwungen Mathematik vermittelt, mag ich sie dadurch auch nicht lieber. Manchen Menschen fehlt eben einfach die Ader zur Kunst, wie anderen die Ader zur Wissenschaft oder Politik fehlt und manche Menschen möchten Kunst vielleicht auch einfach nur betrachten und ihre Schönheit bewundern, ohne dabei mit Millionen Hintergrundinformationen bombardiert zu werden.

Kunstkonsum ist etwas so unglaublich subjektives und deshalb darf er auf keinen Fall verallgemeinert werden! Es gibt keinen „richtigen“ Weg, sich mit Kunst auseinanderzusetzen! Kunstvermittlung schön und gut, aber niemand sollte sich dazu genötigt fühlen, diese Vermittlung in Anspruch zu nehmen, weil ihm oder ihr ja sonst unterstellt werden könnte, nicht wirklich kunstinteressiert zu sein. Kunstvermittlung sollte Ansatzpunkte zur eigenen Betrachtung liefern, aber diese persönliche Auseinandersetzung mit Kunst keinesfalls ersetzen.

Kunst entsteht aus Wut, aus Trauer oder einfach aus Spaß und manchmal reicht es schon, einen einzigen Blick auf ein Werk zu werfen, um dies zu erkennen. Und genau deshalb hoffe ich, dass nicht auch mein Selbstporträt aus der 9. Klasse „kaputtinterpretiert“ wird. Ist es schwarz-weiss, weil es Depression darstellen soll? Hat es fünf Augen, weil ich eine gestörte Selbstwahrnehmung habe? Ich weiß es nicht und deshalb werden es auch die Betrachter niemals wissen, wenn sie sich nicht ihre ganz eigenen Antworten auf diese brennenden Fragen zusammenreimen. Und dieses Rätseln, das Verwirrende und Mysteriöse an so vielen Kunstwerken ist doch gerade das Schöne, das die Gedanken beim Betrachten anregt und dazu braucht man nicht immer einen Kunstvermittler oder irgend ein Ding mit dem „Pling“.

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